Glaskunst

Erläuterungstext der Glaskunstgestaltung für die Evangelische Kirche Bad Lippspringe von Tobias Kammerer

"Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser "
(Johann Wolfgang Goethe)

Das Motiv dieser Arbeit soll das Wasser sein. Einerseits, um der besonderen Lage der Kirche in einem Wasserkurort Ausdruck zu verleihen, anderseits weil Wasser ein Thema darstellt, das sich durch die gesamte Heilige Schrift, angefangen bei der Schöpfungsgeschichte bis hin zur Offenbarung, zieht. Die Gesamtgestaltung teilt sich in vier Positionen auf, wobei das Hauptaugenmerk auf der Arbeit im neuen Chorraum liegt.

Neue Chorfenster

Die Komposition verteilt sich hier auf die vier quadratischen Fenster an der Chorwand. Die Glasbilder können jedes einzeln, aber auch als ein ganzes Bild betrachtet werden.

Die Komposition erscheint malerisch, mit großem Gestus, aquarellartig und leicht, wie es in seiner Transparenz auch dem Material des Glases entspricht. In den Fenstern sind figürliche Symbole, wie Zitate eingefügt. Jedes der vier Bildelemente besteht aus einer Ganzglasscheibe, als Trägerglas. Darauf wird das Blau als Schmelzfarbe aufgetragen. Diese wird im Vorspannprozess eingebrannt. Die Gläser überragen das Lichte Maß um einige Zentimeter. Auf das Hauptglas werden orangefarbene, mundgeblasene Echtantikscheiben appliziert, die teilweise mit Flusssäure geätzt sind. Diese Gläser ragen zum Teil über das Hauptglas hinaus. So entstehen mehrer Ebenen. Die feinen weißen Linien und Strukturen, die über das Glas laufen, entstehen mittels Sandstrahltechnik.

Den Hauptanteil der Farbe in dieser Komposition bildet das Blau. Blau drückt unbegrenzte Ferne und Tiefe aus. Es erinnert als Farben der Ozeane an das Wasser, als den Schoß des Lebens. Das Symbol der Bewegung deutet auf die Zeit, Veränderung und Werden hin. Blau versinnbildlicht die Sehnsucht nach dem Wunderbaren. Es trägt in sich die Qualität der Klarheit, der Druchsichtigkeit, im übertragenen Sinn die der rationalen Transparenz, der intellektuellen Durchdringung, als den Forscherdrang des Geistes. Blau gilt als immateriellste aller Farben. Die Natur repräsentiert sich hier in ihrer Durchsichtigkeit, wie im Wasser, Luft, Kristall. So entsteht auch ein Bezug zum Material des Glases.

Komplementär zu Blau erscheint Orange. Die sonnennahe Farbe gilt als Erleuchtungsfarbe. Sie ist Ausdruck einer großen, strahlenden Energie. Ihre Leuchtkraft erscheint uns angenehm warm und freudig.

Mit schnellen, kaligraphischen Strichen sind Linien und Fische angedeutet. Die Fische verweisen auf das Wasser, als Ursprung des Lebens. Das Wasser in der Schöpfungsgeschichte war empfänglich für den Geist Gottes, der über ihm schwebte. Und tatsächlich weisen neueste Forschungsergebnisse darauf hin, dass sich im Wasser Eindrücke abbilden, dass es Informationen speichert. Die feinen Linien sollen die Bewegung, den Wellengang des Wassers andeuten. Alle anderen Elemente lösen sich im Wasser auf, und werden durch dieses überall hintransportiert. Darum ist Wasser das globale Element schlechthin.

Für Hildegard von Bingen war Wasser das Element, das wie der Regen und die Verdunstung das Oben und das Unten ständig miteinander verbindet. Auch bedeutete für sie das Getauftsein eine lebenslange Verbindung zum Wasser.

Jesus hat sich nicht nur selber taufen lassen, um erstarrte Formen aufzubrechen, er sagte: "Wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser das ich ihm gebe werde, das wird in ihm eine Quelle des Wasser werden, das in das ewige Leben quillt. (Joh. 4,14)

Die Lebendigkeit und Erneuerungskraft des Wassers, drückt sich im übertragenen Sinn aus, was Menschen füreinander sein können, nämlich eine Quelle der Lebensfreude. Auf die Heilung durch das Element Wasser deutete das Grün der Fische in der Kalligraphie hin. Dort wo sie die orange Zone berühren, wandelt sIch das Weiß zu Grün. Die Energie der Heilungskräfte wird in der Farbe Orange verdeutlicht.

Gestaltung der alten Chorapsis mit vorhandenem Bronzekreuz (Kreutter)

In der alten Chorapsis gegenüber dem neuen Chor, soll mit Farbe ein Akzent gesetzt werden. Die Wandflächen der Apsis sollen mit einem lichtblauen Ton ausgestrichen sein.

Die vorhandene Christusfigur erhält einen orangefarbenen Hintergrund. Dieser bildet inhaltlich und optisch eine Verbindung zu den orange-farbenen Flächen in den Chorfenstern. Auch die Linien sind analog zu den Fenstern zu sehen.

Glasgestaltung der Eingang- und Windfangtür

Hier soll auf den Glaseingängen durch die sandgestrahlten Linien eine Durchschrittshemmung entstehen, die leicht und luftig wirkt.

Glasgestaltung der Sakristei-Fassade

Hier wird angedacht, die Glassakristei mit Parasolglas zu versehen. Dessen grüne Färbung, die ins Türkis geht, erinnert an das Wasser in einem See oder auch einer Lagune.

Wieder tauchen hier die feinen, sandgestrahlte Linien, als Struktur auf, die auf die Bewegung des Wassers verweisen. Sie bilden jetzt auch eine Parallele zum Innnern der Kirche und verbinden so mehrere Ebenen des Gebäudes. Im mittleren Bereich färben sie sich Purpur. Purpur kann nur durch Lichteinwirkung entstehen, und gilt darum als Lichtsymbol. Zudem ist er vollkommen lichtbeständig, wodurch er zur Symbolfarbe der Ewigkeit wurde.

Vita Tobias Kammerer

1968 geb. in Rottweil/Neckar
1986-93 Studium der Malerei und Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste Wien
1982 Magister artium
1987 Arik-Brauer-Preis
1989 Theodor-Körner-Preis
1990 Erster Preis für Kunst am Bau MSC Wien
1997 Karl-Miescher-Preis
2000 Pontifikatsmedaille der Päpstlichen Akademie
2004 Erster Preis für die Glockenzier der Europäischen Friedensglocke für das Straßburger Münster lebt in Rottweil